Projektentwicklung

Arbeit mit verlassenen und
verwaisten Mädchen
in Siebenbürgen, Rumänien –
Die 27-jährige Projektgeschichte

(Agnes Derzsi und Irmelin Küthe)

Agnes Agnes Derzsi Irmi Irmelin Küthe
  • Grundschullehrerin
  • Wohnort: Targu Mures, Rumänien
  • seit über 10 Jahren ehrenamtliche Tätigkeit in der Betreuung von Mädchen aus einem Waisenhaus in Târgu Mures
  • Bei Orizont in Rumänien verantwortlich für die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde und der Verteilung von Hilfsgütern
  • Trainerin für interkulturelle Teamentwicklung, Outdoor Trainings und Seminare
  • Beraterin für Fundraising
  • Wohnort: Pfronten, Deutschland
  • seit 1998 auch in Rumänien tätig
  • Bei Orizont verantwortlich für die Konzeptentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising und internationale Kontakte.


I. Hintergrund und Geschichte

Nach der Revolution 1989 konnte die Welt erschreckende und bestürzende Bilder aus den Waisenhäusern in Rumänien und über das Schicksal tausender WaisenKinder sehen. Auch wir waren schockiert über diese Dokumentationen. Ich (Agnes Derzsi, Grundschullehrerin aus Targu Mures) hatte das Bedürfnis zu helfen, auch wenn es in dem Leben der Kinder nur ein kleiner Beitrag sein würde. Es gab sehr viele Waisenhäuser in Targu Mures. Wir waren eine Gruppe von 40 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihre ehrenamtliche Tätigkeit in einem heim für Babys anfingen, das war im Frühjahr 1990. Samstags besuchten wir die Kinder, wechselten ihre Windeln, sprachen, spielten und sangen mit ihnen.

Im September 1990 wechselten einige von uns von dem Waisenhaus für Babys zu einem Kindergarten für behinderte Waisen. Der zuständige Psychologe empfahl uns, dass sich jeder nur um ein Kind kümmern sollte, aber dafür kontinuierlich. Wir gingen mit ihnen spazieren, sprachen mit ihnen, besuchten den Wochenmarkt, um sie mit den Produkten vertraut zu machen, gingen in den Zoo, ins Kino und in Geschäfte. Wenn jemand keine Zeit hatte, sein Kind zu besuchen, kümmerten wir anderen uns um das Kind. Die 4-5 jährigen Kinder im Kindergarten waren auf dem Entwicklungsstand von 2-3 jährigen. Sie sprachen kaum, und wenn, dann weinten sie. Die Kinder waren sehr ängstlich und schreckhaft, aber konnten nicht den Grund dafür benennen. Wir freundeten uns schnell mit den Kindern an und sie freuten sich, uns jeden Samstag zu sehen. Wenn ein Besuch einmal nicht stattfand, konnten es die Kinder kaum verstehen. In kurzer Zeit hatten wir gemeinsame Erinnerungen von fast allen Spielplätzen unserer Stadt.

1992, als die Kinder schulpflichtig wurden, wechselten sie zu einem Waisenhaus mit Sonderschule, in dem die meisten bis zu ihrem 18. Lebensjahr lebten. Die neue Umgebung war beängstigend und einschüchternd für sie. Die älteren Kinder bestimmten über sie und die kleineren wagten nicht einmal sich zu beschweren. Der Wechsel in das Waisenhaus brachte Unruhe und Störung in das Leben der Kinder. In dieser großen Institution, in der ca. 300 Kinder und Jugendliche lebten, war die Anzahl an Mitarbeitern sehr gering und es gab nur wenig ausgebildete Erzieherinnen.

Über zwölf Jahre habe ich regelmäßig Zeit mit den Waisenmädchen verbracht. Viele der anderen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer führten ihre Arbeit nicht weiter. Mit zunehmendem Alter versuchte ich die gemeinsamen Aktivitäten dem Entwicklungsstand der Waisenmädchen anzupassen und sie so auf ihr späteres Leben vorzubereiten. So gingen wir beispielsweise gemeinsam einkaufen, erkundeten die Stadt, gingen zusammen zu Konzerten und spielten viel miteinander. Das größte gemeinsame Fest war immer Weihnachten, wenn ich die Mädchen zu mir und meinen Eltern nach Hause in unsere kleine Wohnung einlud. Zuletzt waren es neun Mädchen, um die ich mich kümmerte. Wir verbrachten gemeinsam den gesamten Weihnachtstag, spielten und erzählten. Wir haben auch gemeinsam Ausflüge unternommen. Um diese Ausflüge vorzubereiten und durchzuführen, entwickelte ich ein Netzwerk unter meinen Freunden, die mir bei den Ausflügen halfen. Es handelt sich hierbei um Lehrer, einen Ingenieur und junge Erwachsene, die gerade die Schule beendet haben. Zuerst, als die Kinder noch im Kindergarten waren, organisierten wir für alle 25 Kinder gemeinsam einen Ausflug.

Im August 1999 unternahmen wir mit zehn Waisenmädchen einen weiteren Ausflug in die nahe gelegenen Berge. Es waren eintägige Ausflüge mit bleibenden Erinnerungen für uns alle. Im Rahmen einer einjährigen Zusatzausbildung in Erlebnispädagogik, die von Outward Bound Rumänien und Deutschland organisiert wurde, hatte ich die Gelegenheit für zehn Mädchen ein Wochenendprogramm in den Bergen zu organisieren. Das war im September 1999. Ziele dieses Programms waren, das Selbstbewusstsein und die soziale Kompetenz der Mädchen zu fördern. Um diese Ziele zu erreichen, wählten wir spezielle Outdoor Aktivitäten, spielten und gingen gemeinsam auf Tour. Bis heute sprechen die Mädchen noch immer über dieses Wochenende. Während dieser Ausbildung lernten wir (Irmelin Küthe, freiberufliche Trainerin und Agnes Derzsi) uns 1998 kennen. Dies ist der Beginn einer langjährigen Freundschaft und des gemeinsamen Engagements für junge Not leidende Menschen in Siebenbürgen.

Im Juni 2000 besuchten wir (Agnes Derzsi und die Waisenmädchen) die Stadt Sighisoara/ Schäßburg, nicht weit von Targu Mures entfernt. Zum ersten Mal in ihrem Leben besuchten die Mädchen mit großem Interesse ein historisches Museum. Im November 2000 fand ein 3-tägiges Programm zur Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen in Kooperation mit Outward Bound Rumänien, Gesellschaft für Jugend e.V. in Sovata statt. Im Sommer 2001 wurde erneut eine einwöchige Bildungsmaßnahme für die Mädchen in Sovata durchgeführt. Mit unserem Kooperationspartner Outward Bound Romania wurden Konzepte entwickelt, um die Selbständigkeit der Mädchen zu fördern. Finanziert wurden die Programme ausschließlich durch deutsche und österreichische Spendengelder, zum größten Teil von meinen (Irmelin Küthe) Verwandten, Freunden und Bekannten, die auch Heute noch zu den Orizont Förderern zählen!

Wenn die Mädchen 15 Jahre alt wurden, mussten sie das Waisenhaus in Targu Mures verlassen und nach Bistrita ziehen, um eine Art Berufsschule zu besuchen. Dort lernten sie die Grundfertigkeiten des Webens und Nähens. Nur noch in den Ferien kehrten sie nach Targu Mures zurück. Daher sah ich die älteren Mädchen nur noch alle 2-3 Monate. Bistrita ist ca. 90 km von Targu Mures entfernt.

Mit 18 Jahren beendeten die Mädchen die Schule in Bistrita. Der Staat übernahm dann keinerlei Verantwortung mehr für den weiteren Werdegang der jungen Frauen. Die meisten hatten dann keinen Wohnort und keine Arbeit. Sie waren (und sind) sehr gefährdet in die Hände von Zuhältern zu geraten und zur Prostitution gezwungen zu werden oder sie verelenden als Obdachlose auf der Straße. Als Waisen- und Roma-Mädchen finden sie kaum Anerkennung in der rumänischen Gesellschaft. Traurig ist, dass sie obwohl sie dann zwei Schulen absolviert haben, nicht einmal die Grundfertigkeiten für den Lebensalltag kennen und beherrschen, wie beispielsweise mit Geld umzugehen oder ein Essen zu kochen. Diese Dinge könnten die Waisenmädchen gut lernen, wenn jemand sie ihnen beibringen würde. Die Mädchen sind nicht fähig zu einem selbständigen Leben, denn in dem Waisenhaus hatten sie nie ein selbständiges Leben führen können. In ihrer Freizeit, in der sie nicht betreut wurden, schauten sie häufig Fernsehen – meistens aggressive Filme. Nur selten lasen oder schrieben sie. Viele beherrschten auch nicht das Lesen und Schreiben.

Die meisten Mädchen sind Sozialweisen und stammen aus sehr armen, schwierigen Verhältnissen. Einige planen später zu ihren ursprünglichen Familien zurückzukehren, um mit ihnen zusammen zu leben. Aber es ist sehr fraglich, ob sie von den Familien aufgenommen werden, denn diese sind sehr arm und haben meistens nicht genug zu essen für die anderen Familienangehörigen, die nicht selten 10 –15 Personen betragen.

Um die Lebenssituation der verlassenen und verwaisten Mädchen zu verbessern, organisierten wir Ausflüge und erlebnispädagogische Programme. Wenn finanzielle Mittel zur Verfügung standen, auch mehrmals jährlich. Diese Ausflüge und Programme sollten auch ihren Horizont über das Waisenhaus hinaus erweitern. Folgende Ziele wurden mit diesen Programmen verfolgt:

Wir unterstützten die Mädchen auch, mit ihren ursprünglichen Familien Kontakt aufzunehmen, denn einige von ihnen haben ihre Verwandten nie getroffen. Sie kennen oft nur ihre Namen und Adressen.

Ein lang ersehntes Ziel, oder sagen wir besser Traum, von mir (Agnes Derzsi) war es, für junge Frauen aus den Waisenhäusern im Kreis Muresch, die nicht in der Lage waren, selbständig zu leben, eine Wohngruppe zu errichten. Für die Waisenmädchen sollte so eine familiäre Lebenssituation hergestellt werden, die ihnen Schutz und die erforderlichen Hilfestellungen bot. Die Wohngruppe sollte von pädagogisch ausgebildetem Personal betreut werden. Die jungen Frauen sollten dann Fähigkeiten und Fertigkeiten für den Lebensalltag erwerben, wie kochen, einkaufen, Umgang mit Geld, sauber machen, etc. Die Zahl der jungen Frauen sollte in der Wohngruppe gering gehalten werden, um so eine familiäre Situation zu ermöglichen und keine heimatmosphäre entstehen zu lassen. Nach einigen Jahren, wenn die jungen Frauen in der Lage wären, alleine zu leben, sollten sie ausziehen und selbständig leben und so anderen Frauen in der Wohngruppe Platz machen, die unsere Hilfe und Unterstützung benötigten.



II. Gegenwart

2003 ging unser Traum von einer eigenen Wohngruppe in Targu Mures in Erfüllung. Zuerst wurden zwei Wohnungen gemietet. Doch nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass eine eigene Wohnung erforderlich war, um so den jungen Frauen Sicherheit und Halt zu geben. Bis 2008 wurden zwei einfache Wohnungen für die Wohngruppen erworben. Außerdem wurden Räumlichkeiten für eine Beratungsstelle angemietet, um so noch mehr jungen Not leidenden Menschen in Siebenbürgen zu helfen. Zur Betreuung wurde eine ausgebildete Sozialpädagogin eingestellt, die den jungen Frauen lebenspraktische Fertigkeiten vermittelt, sie in ihrer Persönlichkeit stärkt und sie am Arbeitsplatz betreut und unterstützt. Das Kuratorium, bestehend aus ehrenamtlich engagierten Menschen aus Targu Mures, berät die Sozialpädagogin und gibt ihr Rückhalt und Hilfestellungen.

Seit Beginn der Wohngruppen arbeiten wir mit unseren Kooperationspartnern Domus- Rumänienhilfe Deutschland e.V. und Asociata Caritativa Domus/CJD zusammen. Wir verfolgen alle das gleiche Ziel, jungen Menschen aus sehr armen Verhältnissen zu helfen, sich in die rumänische Gesellschaft zu integrieren. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die uns allen viel bedeutet. Wir kennen die jungen Menschen persönlich. Wir begleiten sie mit Hoffnung und Zuversicht ein Stück ihres Weges, kennen ihre Potentiale und glauben an sie.



III. Zukunft

Auch 20 Jahre nach dem Untergang des Ceaucescu Regimes ist die Not in Rumänien noch immer groß, vor allem unter den jungen Frauen aus den Waisenhäusern, über die Heute kaum noch jemand spricht!

Als gemeinnütziger Verein Orizont – Hilfe zur Selbsthilfe e.V. wollen wir zusammen mit unseren Kooperationspartnern weiterhin helfen, diesen jungen Menschen eine Perspektive zu ermöglichen. Auch sie sollen Hoffnung und Zuversicht auf ihrem Lebensweg haben. Wir möchten die Wohngruppen und unser Beratungsangebot erweitern, um noch mehr jungen Frauen in Siebenbürgen zu helfen. Doch dies ist nur mit der Unterstützung vieler Menschen möglich. Wir brauchen kontinuierliche finanzielle Unterstützung zum Ausbau und für die Leitung der zwei Wohngruppen:

Orizont – Hilfe zur Selbsthilfe e.V. leistet kontinuierliche Unterstützung für junge Frauen aus den rumänischen Waisenhäusern. Wir fördern sie, damit sie sich selbst helfen können.
Das Projekt dient der Hilfe zur Selbsthilfe!

Dazu benötigen wir neben viel Geduld, großem Durchhaltevermögen und fachlicher Kompetenz auch die Unterstützung und Hilfe von vielen Freunden, Förderern und Spendern. Es gibt viele Arten zu helfen – es würde uns freuen, wenn Sie uns begleiten und unterstützen!

Herzlichen Dank für Ihr Interesse! Über Fragen, Anregungen und Anmerkungen freue ich mich! Ich möchte gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen!


Irmelin Küthe

Pfronten, 2016